„Solodysee I“ ist jetzt erhältlich!
Es ist geschafft: Mein neues Buch „Solodysee I“ ist fertiggestellt, veröffentlicht und ab sofort als Taschenbuch bestellbar!
Worum geht es in „Solodysee I“?
Im Mittelpunkt des Romans steht das gigantische Generationenschiff Solody I – eine 2 Kilometer lange und im Durchmesser 2 Kilometer messende Welt im All, die seit Generationen die Heimat der Menschen ist. Auf dieser epischen Reise beleuchtet das Buch nicht nur die technischen und räumlichen Herausforderungen des Lebens im Weltraum, sondern vor allem auch die Entwicklung einer völlig neuen Gesellschaft.
Hier haben sich traditionelle Strukturen gewandelt: An die Stelle klassischer Familienmodelle tritt das fein abgestimmte Gefüge aus biologischen Eltern und der sozialen Familie, die den Nachwuchs gemeinsam trägt und behütet.
Die Handlung führt die Charaktere hinaus in faszinierende fremde Welten – von gasreichen Riesenplaneten bis hin zu üppig bewachsenen, geheimnisvollen Monden, auf denen die Grenzen zwischen moderner Raumfahrttechnologie und urprünglichen Begegnungen verschwimmen.
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- Titel: Solodysee I
- Autor: J. D. Chronos
- ISBN: 978-3-565606-78-8
- Seiten: 352
- Verfügbarkeit:
Viel Freude beim Lesen und Eintauchen in dieses neue Universum!
Der Arbeitsalltag auf der Solody I folgte dem ewigen Tanz der Spiegel. Tief im Zentrum des Schiffes, entlang der Zentralachse, kreisten die gewaltigen Parabolspiegel in einer permanenten, lautlosen Choreografie um den Lichtkern. Sie ruhten nie. Ihre Aufgabe war es, das gleißende Band der künstlichen Sonne so zu brechen und zu lenken, dass auf der gesamten Innenseite des Schiffes ein beständiger Tag-Nacht-Rhythmus entstand. Wenn Jennifer-00 morgens an ihren Zeichentisch trat, wanderte das Licht gerade über die Terrassen von Sektion 4, während die gegenüberliegende Seite des gewaltigen Zylinders noch in das künstliche Dämmerblau der simulierten Nacht getaucht war.Jennifer-00 beobachtete das Spiel der Reflexionen. Es war ein Meisterwerk der Ingenieurskunst: Die Spiegel steuerten nicht nur das Licht, sondern auch die Atmosphäre. Das Licht-Lungen-Prinzip basierte auf dieser stetigen Bewegung; die Hitze des Kerns erzeugte eine permanente thermische Konvektion, die die verbrauchte Luft vom Boden nach oben zur Achse sog. Dort, in der Schwerelosigkeit des Zentrums, wurde sie gereinigt, gekühlt und wieder in den Kreislauf zurückgegeben. Es war eine Welt, die niemals stillstand, ein technischer Organismus, in dem selbst die Zeit ein Produkt rotierender Mechanik war.
Die Entwürfe von Jennifer-00 für die Sichtachsen von Sektor B-12 waren fast abgeschlossen. Als Architektin musste sie in neuen Vektoren denken. Sie orientierte ihre Module nicht nach Norden oder Süden, sondern nach der Dynamik des Schiffes. Sie ordnete die Gemeinschaftsgärten bugwärts an, wo sie näher an den medizinischen Decks lagen, während die schweren technischen Anlagen heckwärts in Richtung der massiven Triebwerkssektion verschwanden. Selbst der tägliche Weg zur Arbeit war eine Lektion in Physik. Wenn sie spinwärts ging – also in Rotationsrichtung des Schiffes –, fühlte sie sich für einen winzigen, kaum merklichen Moment schwerer, als würde die Zentrifugalkraft sie gegen den Boden pressen. Ging sie hingegen antispinwärts, entgegen der Drehung, schien ihr Schritt eine federleichte Flüchtigkeit zu gewinnen. Es war eine subtile, ständige Erinnerung daran, dass sie auf der Innenseite eines gigantischen Geschosses lebte.
Doch die eigentliche Prüfung des Schiffes fand in der sozialen Synchronisation statt. Die Archen verharrten am Lagrange-Punkt, um das komplexeste aller Systeme zu testen: die menschliche Bindungsfähigkeit unter den Bedingungen der Totalität. Jennifer-00 saß in ihrem Modul, als ihr Display eine Nachricht des Triumvirats anzeigte. Das Triumvirat repräsentierte die Regierung der Solody I. Drei der ursprünglichen Entwickler des Plans zur Evakuierung. Auf jedem Schiff der Solody-Klasse waren drei Mitglieder des ursprünglichen Rats der 24 eingesetzt. Auf der Solody I waren das Ferdinand-00, Heinrich-00 und Franziska-00. Die Nachricht des Triumvirats war die Bestätigung ihres Partnerschafts-Profils. Auf der Solody I war Liebe kein Zufallsprodukt mehr, sondern eine kalkulierte Stabilitätskonstante. Der Algorithmus hatte ihr Edward-00 zugewiesen, einen Spezialisten für Magnetfeld-Integrität. Das System suchte nicht nach Leidenschaft, sondern nach komplementärer Belastbarkeit – Paare wurden als psychologische Einheiten geschmiedet, um den Wahnsinn der unendlichen Leere abzuwehren.
„Die Biometrie meldet eine Übereinstimmung von 98,4 Prozent in unserem Stress-Management“, sagte Edward- 00, ohne vom Monitor aufzublicken. Sein Ton war nicht romantisch, sondern feststellend, als würde er die Stabilität einer Brücke prüfen.Jennifer-00 spürte die Kälte dieser Logik. Die Partnerschaft diente dem sozialen Frieden, doch die Biologie folgte einem weit radikaleren Gesetz. Um die genetische Degeneration innerhalb der winzigen Population von 7.000 Seelen zu verhindern, hatte das Triumvirat die Reproduktive Autonomie abgeschafft. Über die kommenden fünfzehn Generationen hinweg war jede Frau prinzipiell die Trägerin für das Erbgut jedes Mannes, und jeder Mann ein potenzieller Spender für jede Frau. Die maximale Variation des Genpools war das einzige Gebet, das im Maschinenraum der DNA zählte. „Und die Fortpflanzungs-Matrix?“, fragte Jennifer-00 leise. Sie wusste, dass ihre gemeinsame Zuweisung als „Gefährten“ nicht bedeutete, dass sie jemals ein biologisch gemeinsames Kind halten würden. „Die bleibt eine separate Variable“, erwiderte er ruhig. Er drehte sich nun zu ihr um, seine Augen so nüchtern wie die Anzeigen auf seinem Terminal. „Der Genpool ist zu kostbar für private Präferenzen, Jennifer. Das Triumvirat wird die Paarungsprotokolle für jede Zyklus-Empfängnis neu berechnen. Wir sind Gefährten für den Geist, Stützen für den Alltag. Aber unsere DNA gehört der Zukunft des Schiffes, nicht unserem Ego.“ Jennifer- 00 nickte langsam. Es war die ultimative Form der Enteignung: Zuerst hatte sie ihre Heimat verloren, dann ihren Besitz, und nun wurde sogar die Intimität der Vererbung verstaatlicht. Sie würde Edward-00 lieben lernen müssen, weil das Schiff es verlangte, während ihr Körper vielleicht die Kinder eines Mannes austragen würde, dessen Gesicht sie kaum kannte – ausgewählt allein aufgrund der perfekten statistischen Differenz ihrer Chromosomen.
Während sie sprachen, vibrierte der Boden leicht. Eine der massiven Kapseln im Inneren der Speiche schoss nach oben zur Achse. Es war ein Austausch. Ein Nachbar aus dem angrenzenden Wohnmodul war heute Morgen nicht zur Arbeit erschienen. Er hatte das Soziale Friedensgebot verletzt, doch der Grund war weit jenseits einer einfachen Arbeitsverweigerung. „Er ist bereits weg“, sagte Edward-00 sachlich, während er eine magnetische Interferenz glättete. „Was genau hat Manuel-00 diesmal getan?“, fragte Jennifer-00. Sie erinnerte sich an den Mann als jemanden, der eine verdächtig hohe Affinität zu unlogischen Freizeitbeschäftigungen besessen hatte.
„Er hat versucht, das gesamte Sozialgefüge von Sektor 4 durch eine fundamentale Neudefinition der physikalischen Höflichkeit zu destabilisieren“, erklärte Edward-00, und zum ersten Mal schwang ein Hauch von echter Irritation in seiner Stimme mit. „Gestern Abend hat er begonnen, alle vorbeigehenden Besatzungsmitglieder nicht mehr mit dem vorgeschriebenen ‚Guten Tag, Mit-Vektor‘ zu grüßen, sondern sie stattdessen zu fragen, ob sie schon einmal darüber nachgedacht hätten, dass wir alle eigentlich nur die Träume eines sehr großen, sehr traurigen Käsebrötchens sind, das in einer Parallelwelt auf seine Verspeisung wartet.“ Jennifer-00 blinzelte. „Ein Käsebrötchen?“
„Ein sehr trauriges Käsebrötchen“, präzisierte Edward-00. „Aber das war nicht der Auslöser für den Abtransport. Das Problem war die Anschlussreaktion. Als die Sicherheitskräfte eintrafen, verweigerte er den sozialen Kontakt, indem er behauptete, er sei nun offiziell in den Zustand der ’subatomaren Beleidigtkeit‘ übergegangen. Er hüllte sich in eine Decke, setzte sich in die Mitte des Korridors und deklarierte sich selbst zum souveränen Staat ManuelLand‘, in dem die Zeit rückwärts läuft und Steuern ausschließlich in Form von getrockneten Apfelringen und philosophischen Seufzern entrichtet werden.“
„Regierungsrat Heinrich war persönlich vor Ort“, fuhr Edward-00 fort und schüttelte den Kopf. „Er versuchte, Manuel darauf hinzuweisen, dass die Errichtung eines souveränen Staates innerhalb eines rotierenden Zylinders ein logistischer Albtraum für die Müllabfuhr sei. Manuel antwortete daraufhin nur, dass Heinrich in seinem Land lediglich ein schlecht programmiertes Hologramm sei, das nach alter Tinte rieche.“Heinrich-00 hatte daraufhin das Formular 99-Ω gezückt: „Unmittelbare Entfernung wegen unheilbarer Realitätsverweigerung und Majestätsbeleidigung eines staatlich geprüften Archivars“.
„Ein Nachrücker aus der Lotterie-Reserve ist bereits im Anflug“, schloss Edward-00. „Ein Kybernetiker. Er hat eine psychische Bewertung von 99,9 Prozent ‚Absolute Vorhersehbarkeit‘. Er wird die Lücke im Teamgefüge optimal ausfüllen, ohne jemals über Backwaren zu philosophieren.“Jennifer-00 griff in ihre Tasche und fühlte den Obsidian. Er war einfach nur da, ein stummer Zeuge einer Welt, in der Dinge noch existieren durften, ohne nützlich oder auch nur logisch zu sein. Draußen warteten die anderen vier Schiffe. Die soziale Homogenität näherte sich dem Zielwert. Bald würde die Solody I auf sich allein gestellt sein, ein einsames, perfekt abgestimmtes Gehirn in der Schwärze des Alls, in dem für traurige Käsebrötchen kein Platz mehr war.
