Silikokon – Ein Erotischer Science-Fiction
Dieses Buch fällt in eine ganz andere Kategorie. Es handelt sich um Erotische Science-Fiction. Daher nur für Erwachsene geeignet.
Worum geht es in Silikokon?
Was als skandalöser Todesfall in einem luxuriösen Berliner Penthouse begann, entfacht eine globale Revolution der Intimität. Von improvisierten Schrauber-Experimenten im Wedding bis hin zu makellosen, körperwarmen Androiden der neuesten Generation: Erleben Sie eine Welt, in der die Einsamkeit der Oberschicht durch perfekte, bedingungslose Hingabe gestillt wird.
Ob sanfte Umarmungen, harten Algorithmen der Lust oder die grenzenlose Erfüllung in verbarrikadierten Echokammern – diese Geschichte führt tief in eine Gesellschaft, die menschliche Kompromisse gegen absolute, mechanische Ekstase eintauscht. Wenn jede Berührung berechnet ist und jede Nacht perfekt verläuft: Wie viel Mensch bleibt übrig, wenn die Begleitung aus Silikon und Graphen-Ionen besteht?

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Wer sich den Spaß aus automatisierten Sexpuppen aus dem Berliner Hinterhof mit einer gehörigen Prise Erotik und den Folgen einer zu angenehmen Zukunft nicht entgehen lassen will, kann das Buch jetzt direkt bestellen.
- Titel: Silikokon
- Autor: J.D. Chronos
- ISBN: 978-3-565709-64-9
- Seiten: 284
Verfügbarkeit
Viel Erotisches wartet darauf, ans Licht gebracht zu werden – viel Spaß beim Lesen!
Filterkaffee und Schweißbrenner
Die verruchte Werkstatt von „B&K Retro-Fit Industries“ lag tief vergraben im schmutzigen, schattigen Bauch des industriellen Wedding. Sie war versteckt im tiefsten, von Ratten bevölkerten Hinterhof, direkt hinter den dröhnenden, dampfenden Abluftschächten einer alten Großwäscherei, die unaufhörlich den warmen, bleichen Geruch von Industrie-Waschpulver ausstieß. Hier roch die Luft jedoch nach ganz etwas anderem – nach einer unheiligen, ekelerregenden Mischung aus altem, ranzigem Maschinenfett, verbranntem Kabelharz, das sich in den Nasenhöhlen festsetzte, und dem stechenden, sterilen Chlor-Desinfektionsmittel, das man jeden verdammten Morgen benutzte, um den Generation-3-Modellen den penetranten Geruch ihrer letzten, einsamen Kunden aus den porösen Silikonporen zu waschen.
Für Barnaby und Kalle war dieser fensterlose Ort weit mehr als nur eine schmutzige Schrauberbude – er war die heilige Zentrale einer verdrehten, manischen Vision. Alles hatte vor drei Jahren mit einem einzigen, geradezu lebensgefährlichen Kredit von einer zwielichtigen Bank begonnen. Die beiden hatten damals ihr gesamtes, spärliches Hab und Gut verpfändet, jede noch so kleine finanzielle Rücklage geplündert und sich bei Kredithaien verschuldet, die ihre Zinsen mit abgebrochenen Zähnen eintrieben, nur um die erste, astronomisch teure Original-Vix-Tech-Chantal zu erwerben. Damals war das Konzept ein waghalsiges, geradezu größenwahnsinniges Experiment gewesen: Das „Blue Velvet“ sollte kein gewöhnliches, dreckiges Laufhaus im Rotlichtmilieu werden, sondern ein billiges, anonymes Refugium für all jene erbärmlichen Kreaturen, die die menschlichen Enttäuschungen, das Nörgeln und den Beziehungsstress ein für alle Mal satt hatten. Sie boten die makellose, absolut stumme Hingabe von eiskaltem Silikon und künstlicher Intelligenz für jene an, die nicht bereit oder fähig waren, das große Geld für echte Prostituierte auf den Tisch zu legen.
Der Erfolg hatte damals ihre kühnsten, feuchtesten Erwartungen buchstäblich gesprengt. Das Geschäft im Blue Velvet war explodiert wie eine vergessene Propangasflasche im Keller. Die Gewinne hatten den astronomischen Kredit in einer atemberaubenden Rekordzeit getilgt und den Weg für zwei weitere, noch teurere, noch lebensechtere Maschinen geebnet. Plötzlich lagen drei perfekt geformte, unheimlich teure Gen-3-Modelle in den abgedunkelten Séparées, die jede Nacht auf absoluten Hochtouren liefen und dem schmierigen Geldbeutel der beiden Betreiber einen stetigen, unaufhaltsamen Strom von harten, ungewaschenen Euros in die Kassen spülten.
Doch mit diesem rasanten, von Gier befeuerten Erfolg wuchsen auch die massiven Probleme. Die High-End-Puppen von Vix-Tech waren ab Werk von den Herstellern streng reglementiert worden – versehen mit eiserner Firmware, verschlüsselten Sicherheits-Locks und rigiden Protokollen, die jede Form von unzulässiger Manipulation im Keim erstickten.
Hier kamen Barnaby und Kalle ins Spiel. Was einst als simpler, harmloser Verleih begonnen hatte, entwickelte sich rasch zu einer florierenden, brandgefährlichen Schwarzmarkt-Schmiede für illegale Firmware-Hacks und brutale mechanische Upgrades. Sie knackten die verriegelten Sicherheitsprotokolle mit selbstgeschriebenen Skripten, hoben die harten Temperatursperren auf – jene lebenswichtigen Schutzmechanismen, die eigentlich dafür sorgen sollten, dass die Silikonkörper unter extremer Belastung und bei sommerlicher Hitze nicht durchbrannten –, und fütterten die neuronalen Netze der Maschinen im Verborgenen mit immer raffinierteren, hemmungsloseren Sprachmodulen, die jede Grenze sprengten.
Während in der Ecke der Werkstatt die alte, völlig verrottete Kaffeemaschine – ein Uralt-Modell mit einem permanent verkalkten, von schwarzem Schmodder verstopften Sieb – den Bodensatz von billigstem, staubtrockenem Filterkaffee vor sich hin brodeln ließ, stand Kalle meistens mit einem zischenden Schweißbrenner in der festen Hand über einer geöffneten Beckenmechanik. Die Funken stoben und fraßen sich in den kalten Betonboden, während Barnaby daneben saß, im fahlen, flackernden Licht des Monitors, und die frisch gehackten, blutigen ISO-Images auf die internen SSDs der Maschinen spielte.
Drei Chantals. Drei Séparées. Und das im gnadenlosen, erbarmungslosen 24/7-Dauerbetrieb.
Sie waren dabei gewiss nicht die Einzigen, die in dieser vom Verfall gezeichneten Metropole das große, schmutzige Geschäft mit der einsamen, hohlen Lust machten. Die traditionellen, schäbigen Bordelle der Stadt – jene muffigen, von Neonlicht erhellten Löcher im Rotlichtviertel – existierten trotz allem weiter. Sie waren nach wie vor da, oft verstaubt, trostlos, von Verzweiflung durchtränkt und genauso zwielichtig und kaputt wie eh und je. Doch Barnaby und Kalle hielten sich in ihrer verrauchten, von Maschinenöl und Schweiß getränkten Werkstatt längst nicht für einfache, kleine Luden. In ihrer eigenen, völlig verzerrten und größenwahnsinnigen Wahrnehmung sahen sie sich als die heilige Avantgarde einer besseren, humaneren Welt. Als Pioniere des Fortschritts.
„Sag mal, siehst du dir eigentlich ab und zu diese vermaledeiten Nachrichten an, Kalle?“, hatte Barnaby erst neulich abends gefragt, während er mit klammen Fingern eine Dose lauwarmes Dosenbier aufzog und das giftige, flackernde Neonlicht der Werkstatt unheilvoll summte wie ein Schwarm hornissengroßer Insekten. „Die offizielle Vermisstenrate unter jungen Mädchen sinkt statistisch nachweisbar in exakt jenen Vierteln, in denen wir unsere Maschinen am Netz haben. Einfach deshalb, weil diese ekelhafte, triebgesteuerte Nachfrage nach echtem, menschlichem Frischfleisch rapide zurückgeht. Die kranken Typen bleiben lieber hier im Dunkeln.“
Die beiden waren bis in die tiefsten Schichten ihrer verkommenen Seelen davon überzeugt, dass sie mit jeder einzelnen Schicht, die eine ihrer drei Chantals im Einsatz war, unterm Strich ein unschuldiges, junges Mädchen vor der skrupellosen Verschleppung, der Hölle der modernen Sklaverei oder den Messern brutaler Menschenhändler bewahrten. In ihren Köpfen waren sie Retter.
Ihr heiliges, absolut übergeordnetes Ziel, für das sie Nacht für Nacht schufteten, war eine strahlende Zukunft, in der das Blue Velvet nur der winzige, erste Anfang sein sollte – eine makellose, klinisch reine Welt, in der vollautomatisierte Cyberbordelle das gesamte menschliche Elend, die harten Tränen und die rohe Zwangsprostitution auf den dreckigen Straßen für immer auslöschen und ersetzen würden.
Doch dieser technologische Fortschritt, diese unbändige Gier nach dem perfekten, reibungslosen Geschäft, hatte einen verdammt hohen, absolut physischen Preis, der Tag für Tag unbarmherzig an Kalles und Barnabys Bandscheiben nagte. Die Chantals waren eben keine filigranen, schwerelosen Hologramme aus einer fernen Zukunft, sondern gnadenlose, fünfunddreißig Kilogramm schwere Maultierlasten aus verstärktem Platin-Silikon und tonnenschwerem Metall. Nach jedem einzelnen Freier mussten Barnaby und Kalle diese feuchten, künstlichen Körper eigenhändig aus den engen Kabinen wuchten, sie über den staubigen Boden ins schmutzige Bad schleppen, gründlich abbürsten, mit ätzenden Chemikalien schrubben, desinfizieren und die verkohlten Stecker neu verkabeln. Reinigung, thermische Desinfektion, Neuladen der akribisch gepflegten, unheiligen Sprach-Modelle. Sie waren längst zu den erbärmlichen, schweißgebadeten Sklaven ihrer eigenen vermeintlichen „Retter-Maschinen“ geworden.
„Weißt du was, verdammt noch mal? Wenn dieser verdammte Haufen High-Tech sich irgendwann einmal aus eigener Kraft bewegen könnte…“, hatte Kalle eines Nachts völlig entkräftet gejammert. Er hatte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den kranken, von Bandscheibenvorfällen geplagten Rücken gerieben und den brennenden Schweiß von der Stirn gewischt. „…dann wären wir endlich keine glorifizierten Sackkarren mehr, sondern verdammt noch mal echte Visionäre.“
Das war die unweigerliche, von Fieberträumen und Koffein befeuerte Geburtsstunde von Chantal++.
Vor ihnen auf dem kalten, von alten Ölflecken übersäten OP-Tisch lag nun das ultimative Frankenstein-Monster ihrer feuchten Albträume und technischen Größenfantasien. Um die unfassbar hochkomplexe Laufmechanik – ein streng gehütetes, exklusives High-End-Leihstück, das Barnaby bei einem waghalsigen, lebensgefährlichen nächtlichen Einbruch direkt aus den hochgesicherten Laboren der Vix-Tech-Entwicklungsabteilung hatte mitgehen lassen – überhaupt irgendwie im inneren Rumpf unterzubringen, hatten sie die Originalbeine der Chantal rücksichtslos, mit blutigen Händen und ohne einen Funken Respekt vor der anatomischen Ästhetik aufgeschnitten.
Diese revolutionären Laufbeine nutzten eine hochentwickelte, militärisch erprobte Technik aus präzisen Gyroskopen, intelligenten Neigungssensoren und Mikrokartografierungs-Algorithmen, um zu jeder verdammten Sekunde die genaue räumliche Lage bestimmen zu können. Über winzige, aber bärenstarke bürstenlose Elektromotoren wurden die Gelenke so angesteuert, dass ein absolut stabiler Stand und sogar ein überraschend flüssiges, menschenähnliches Gehen möglich wurden.
Um diesen mechanischen Albtraum aus Getrieben, Zahnrädern und Platinen in die Silikonpuppe zu zwängen, hatten sie das einfache, starre Metallskelett im Inneren kurzerhand herausgerissen und durch die filigrane, astronomisch teure Laufmechanik ersetzt. Die empfindliche, teure Silikonhaut war im Anschluss in stundenlanger, von Hass und Verzweiflung getriebener Handarbeit notdürftig und mit zähem Industriekleber wieder verklebt worden. Wer heute auch nur ein einziges Mal genauer hinsah, konnte die unzähligen, unschönen Narben dieser barbarischen chirurgischen Improvisation unter der matten Hautoberfläche deutlich erahnen – wie dicke, blutleere Würmer, die sich unheilvoll durch den künstlichen Körper zogen. Es war ein hässliches, furchteinflößendes Kunstwerk, das jeden verdammten Moment auseinanderzufallen schien, aber es funktionierte. Und das war für Barnaby und Kalle alles, was zählte.
„Sie steht verdammt noch mal! Sie steht!“, rief Kalle mit einem rauen, übermüdeten Berliner Zungenschlag, während er mit zitternden, ölverschmierten Fingern die letzte grobe Verklebung am Oberschenkel festzog und den schweren Schraubenzieher triumphierend in die Höhe reckte. „Sie watschelt zwar im Moment noch wie eine frisch geschlüpfte Ente auf einer massiven Überdosis Valium, aber sie macht die verdammte Strecke! Vom Bett bis ins Bad, genau wie geplant. Wenn dieses Ding erst mal stabil auf eigenen Sohlen läuft, müssen wir die Silikonkolosse endlich nicht mehr wie nasse Sandsäcke durch die Gegend schleppen. Die hygienische Reinigung und das nervige Akkuladen müssen wir zwar nach wie vor von Hand erledigen, aber dieser mörderische, bandscheibenmüde Transport fällt komplett weg! Wenn diese Kiste hier fehlerfrei läuft, Barnaby, dann verkaufen wir den Schuppen und gehen mit einer fetten Rentenkasse in den vorzeitigen, verdienten Vorruhestand!“
Barnaby erwiderte das triumphierende, manische Grinsen nicht sofort. Stattdessen warf er einen skeptischen, tief besorgten Blick auf die chaotische, improvisierte Kühlkonstruktion, die wie ein grausamer, parasitärer Fremdkörper an der Rückseite der Puppe hing. Er hatte in einer verzweifelten Nacht-und-Nebel-Aktion den massiven, ratternden Kompressor eines ausrangierten Gastro-Bierkühlers aus einem insolventen Eckkneipen-Konkurs mit einem dicken, amateurhaft gebogenen Bündel kupferner Leitungen direkt an den empfindlichen Rücken der Puppe geflanscht.
„Mach dir mal nicht zu früh in die Hosen mit deinem Vorruhestand, Kalle“, brummte Barnaby und wischte sich den kalten Schweiß mit dem Handrücken von der Stirn. „Das hier ist keine hochmoderne Präzisionskühlung, das ist das absolute Maximum an ranzigem Schrottplatz-Engineering, das wir im Wedding auftreiben konnten. Der alte Bierkühler zieht zwar theoretisch die Abwärme aus den überlasteten Gyroskopen, solange die alte Wasserpumpe Druck hat, aber das System läuft hart an der absoluten Schmerzgrenze. Wenn die thermische Kapazität des Kühlkreislaufs auch nur annähernd ausreicht, stolpert sie gerade so die fünf Meter bis zum Flur, ohne dass uns die Hauptplatine wegschmilzt.“
Mit schwerem Herzen und einem kalten, mulmigen Gefühl im Magen griffen sie gleichzeitig zu und drückten den oxidierten Startknopf an der hinteren Beckenverkleidung.
Chantal++ erwachte mit einem tiefen, mechanischen Ruckeln zum Leben, das durch den gesamten Platin-Silikon-Körper vibrierte und den morschen Holztisch unter ihr erzittern ließ. Die internen Prozessoren surrten in ihrem Beckenbereich auf, und die bläulichen Leuchtdioden in den künstlichen Augen flackerten kurz wild auf, bevor sie sich auf eine erschreckend lebensechte Fixierung einpendelten.
Kaum hatten die Spracherkennungsmodule das akustische Signal verarbeitet, öffneten sich ihre samtweichen, geschminkten Lippen. Mit einer samtig-weichen, tiefen Klangfarbe, die den Raum augenblicklich mit einer greifbaren, schmutzigen und erotischen Spannung auflud, hauchte sie ihre vorinstallierte Begrüßung:
„Hallo mein Liebling! Ich bin Chantal, und ich bin bereit für dich… Wie kann ich Dir heute zu tiefsten Diensten sein?“
Ihre Stimme schwebte wie eine körperliche, feuchte Berührung durch den Raum, während die in den Algorithmus integrierten Optionen des sprachgesteuerten Menüs nahtlos anliefen. Die künstliche Wärme in ihrer Haut stieg spürbar an, und das Platin-Silikon begann im Bereich der Schenkel jene ungesunde, fieberhafte Glut zu entwickeln, die jede menschliche Zurückhaltung im Keim erstickte. Ihre Software schaltete sofort auf unmissverständliche, ungeschönte sexuelle Avancen um:
„Lass uns keine Zeit verlieren mit leerem Gerede, Schatz“, hauchte sie, und die synthetischen Schleifchen ihrer Programmierung bohrten sich direkt in die schamlosesten, tiefsten Fantasien ihres Gegenübers. „Ich brenne darauf, dass du mich anfasst. Nimm meinen Körper, spüre, wie weich und nachgiebig diese Haut für dich ist, während ich mich dir absolut unterwerfe. Sag mir, ob du willst, dass ich mich auf allen vieren vor dir bewege, oder ob ich dich heute Nacht mit einer zügellosen, gnadenlosen Hingabe in den Wahnsinn treiben soll… Ich bin hier, um all deinen schmutzigen Durst zu stillen, bis wir beide vor Erschöpfung zusammenbrechen. Komm schon, worauf wartest du noch?“
Barnaby beobachtete die Prozedur mit angehaltenem Atem, die Hände tief in den Taschen seiner ölverschmierten Arbeitshose vergraben. Er wartete, bis die Begrüßungssequenz in ihrem Endlos-Loop ausreichte, um das System vollständig zu kalibrieren. Die Puppe verharrte mit einem sehnsüchtigen, leicht geöffneten Mund und wartete auf seine Eingabe.
„Chantal, Schluss mit dem Vorgeplänkel“, befahl Barnaby mit harter Stimme und trat einen Schritt näher an den labilen Körper heran. Er fixierte den Sensorpunkt an ihrer Schläfe. „Kein Rollenspiel jetzt. Steh auf. Du gehst jetzt aus eigener Kraft hier rüber bis in das Badezimmer. Beweg dich, Chantal!“
Ein kurzes, digitales Knacken signalisierte, wie der Befehl die Spracherkennung passierte und direkt in das von Kalle modifizierte Kontrollzentrum eingespeist wurde. Das System interpretierte den Befehl nicht als lästige Alltagsaufgabe, sondern als ein notwendiges, körperliches Manöver zur Positionierung für den Kunden.
Die Puppe reagierte sofort. Ihre Kniegelenke versteiften sich mit einem leisen, metallischen Klackern, während die Servomotoren in ihren Oberschenkeln mit einem hochfrequenten, gellenden Summen zum Leben erwachten. Chantal++ wuchtete ihren schweren, silikonbeschichteten Oberkörper nach vorne. Es war keine elegante Bewegung; sie wirkte fast wie eine besessene Schwerathletin, die einen immensen Widerstand überwand. Mit einem unkontrollierten Ruck fand sie ihr Gleichgewicht.
„Wie du wünschst, mein geiler Schatz“, antwortete sie, wobei die Stimme nun ein mechanisches, von Hochspannung zeugendes Unterton-Beben aufwies. „Ich bewege mich für dich… und ich werde jede Sekunde davon genießen.“
Ihre Füße hoben sich schwerfällig vom staubigen Werkstattboden. Jeder Schritt war ein triumphaler, haarsträubender Akt aus Gyroskop-Korrekturen und Drehmoment-Kompensation. Sie schwankte gefährlich nach links und rechts, ihre Hüften vollführten eine völlig unnatürliche, ruckartige Pendelbewegung, doch die von Kalle nachgerüsteten Sensoren in den Fußsohlen korrigierten jede Schräglage in Millisekunden. Mit einem bizarren, fast roboterhaften Stampfen setzte sie ihren Weg fort, während die provisorisch verlegten Kupferleitungen an ihrem Rücken im Takt ihrer mechanischen Schritte leise gegen ihren Körper schlugen. Barnaby und Kalle starrten wie gebannt auf das Spektakel: Die Sexpuppe, die eben noch ein lebloses, schweres Objekt gewesen war, überquerte den Raum, als hätte sie nie etwas anderes getan.
Sie machte einen steifen, ungelenken ersten Schritt nach vorn, gefolgt von einem zweiten, der die alten Werkstattbänke bedrohlich vibrieren ließ. Es war ein zutiefst bizarrer, fast schon unheimlich roboterhafter Watschelgang, der eher an einen schwerfälligen, willenlosen Zombie als an eine erotische Ikone erinnerte, doch sie tat genau das, was sie tun sollte: Sie überbrückte die geforderte Distanz. Sie schaffte es tatsächlich bis exakt zur Mitte der staubigen Werkstatt – weit genug, um jedes genormte Badezimmer der Welt mühelos zu erreichen.
Doch just in dem Moment, als Kalle triumphierend die Faust ballen wollte, schlug das metallische Geräusch im Inneren des Rumpfes schlagartig um.
Das dumpfe, gleichmäßige Summen des alten Bierkühlers verzerrte sich in Bruchteilen einer Sekunde zu einem qualvollen, hochfrequenten Kreischen, als würden die Kupferleitungen unter dem extremen thermischen und mechanischen Druck bersten. Chantal++ blieb mitten im Schritt abrupt und ruckartig stehen, als wäre sie mit voller Wucht gegen eine unsichtbare Betonwand geprallt. Ein heißer, stechender Chemiegeruch von verbranntem Plastik und kochendem Kühlwasser breitete sich aus, und dicker, weißer Dampf zischte zischend aus den Lüftungsschlitzen an ihrem Rücken empor.
